Ein Wochenende auf Zeche Zollverein – Komma Pütt kucken

Am 21.12.2018 endet mit der Schließung der  Zeche Prosper-Haniel in Bottrop die Geschichte des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet. Warum erfüllt das so viele Menschen mit Trauer und Wehmut wollte ich wissen. Also machte ich mich freitagnachmittags auf zur Zeche Zollverein in Essen. Meine erste Anlaufstelle war das RUHR.VISITORCENTER im Gebäude der ehemaligen  Kohlenwäsche. Dort konnte man mir schnell ein tolles Wochenendprogramm zusammenstellen.

                       
Allein für dieses Entree hat sich der Ausflug schon gelohnt

                       
Mit einer Länge von 58 Meter ist sie die längste freistehende Rolltreppe Deutschlands und bringt die Besucher in 90 Sekunden auf eine Höhe von 24 Metern

Das Besichtigungsprogramm startete ich mit der Steigerführung, die freitagabends um 19.00 Uhr angeboten wird.

Unser Gästeführer Jörg Thiesling kann auf 35 Arbeitsjahre im Bergbau zurückschauen. Er arbeitete zunächst auf Zeche Consol und zuletzt als Reviersteiger auf Prosper-Haniel. Jetzt hält er die Erinnerung lebendig und führt Besuchergruppen  durch die über Tage Anlage am Schacht XII.

Das Ruhr Museum hatte schon geschlossen und es herrscht  eine unwirkliche Stille im Gebäude und auf der Anlage. Nach der standesgemäßen Begrüßung Glück Auf! Nach einer kurzen Einführung begannen wir den den Rundgang auf der Panoramaplattform.

                                      

Nach dieser grandiosen Aussicht folgten wir dem einstigen Weg des schwarzen Goldes.

Die über den Schacht geförderte Kohle kam in Wagen in der Wipperhalle an. Auf vier Gleisen wurden sie mittels Kippanlagen um 180 Grad gedreht und  entleert. Über Kopf rollten die Loren in die nächste Halle, wurden wieder aufgerichtet und zurück unter Tage geschickt.

Über Lautsprecher bekamen wir einen ganz kleinen Eindruck, welche Geräuschkulisse hier geherrscht haben muss. Damals wurden Werte von 120 db erreicht, was dem Lärm eines startenden Düsenjets entspricht. Ordentlichen Gehörschutz gab es erst später. Man nutzte als Arbeiter einfach alles, was die Frau einem eingepackt hatte und man sich in die Ohren stecken konnte, z.B. Watte.

Nach ungefähr 1,5 Jahre wurden die Arbeiter an einem anderen Ort eingesetzt. Stichprobenartig wurden die Wagen in dieser Halle auch gewogen. Ein voller Wagen mit Kohle musste ca. 1 Tonne wiegen. Hatten die Kumpel den Füllgrad mit zuviel Steinen kaschiert, wurde der Wagen „genullt“ und den Bergleuten vom Lohn abgezogen. Weniger Geld zu bekommen war schon übel, aber nichts verglichen mit dem Ärger, den es vermutlich am Monatsende mit der heimischen Regierung gab, wenn die Angetraute erwartungsvoll am Zechentor stand, um die Lohntüte entgegen zu nehmen (bevor der Lohn in der Wirtschaft verschwand).

                    

In der Lesehalle wurde die Kohle grob von Hand vorsortiert. Große Kohlestücke  wurden für den Betrieb von Dampfloks  genutzt. Steine benötigte man  zum Wiederauffüllen der Stollen oder lagerte sie auf den Halden ab.

Auf Förderbändern kam die  Kohle dann zur weiteren Sortierung zu zwei Siebtrommeln.

        
Siebtrommeln                                        

      
Blick ins Innere der Siebtrommel

In der Kohlenwäsche erfolgte die letzte Sortierung. In langen Becken schwamm  die leichtere Kohle in wellenbewegtem Wasserstrom, die Steine setzten sich am Beckenboden ab.

 

Nur kleine Kohlestücke bis 10 mm wurde für die Weiterverarbeitung und Veredelung zu Koks verwendet. Wir erfuhren noch einiges über verwendete Werkzeuge, Arbeitsabläufe und die Heilige Barbara.

            Wartet auf den Kübel-Major
   

 

17,5 Kilo schwer…

Die Führung beschlossen wir „stilecht“ bei Bier, Schnaps und Schnupftabak.
Das war ein absolut gelungener Auftakt für mein Pütt-kucken-Wochenende!

Am Samstag ging es um 11.30 Uhr mit der Kokerei-Führung weiter und ich konnte meine RUHR.TOPCARD das erste Mal zum Einsatz bringen. Ich hatte wieder Glück und erwischte eine kleine Gruppe, die von Vera Sbierczik unterhaltsam und informativ geführt wurde.

Wir begannen die Tour auf der Aussichtsplattform der Kohlenmischanlage in ca. 43 Meter Höhe.

                 
Panorama von der Aussichtsplattform

 

                     
Licht und Schatten im Bunker

Die in der Zeche geförderte Kohle kam über ein 600 Meter langes Förderband zum Wiegeturm der Kokerei. Danach ging sie in die Mischanlage, wo sie mit  Fremdkohle aus anderen Zechen gemischt wurde. Ein Teil der Mischkohle lagerte für die lieferfreien Tage am Wochenende und den  Feiertagen auf dem heutigen Parkplatz C.

 
Der alte Kohlelagerplatz mit Portalkratzer

Die restliche Kohle kam in Tiefbunker. Unser Weg führte uns ebenfalls durch die Bunker  bis zur Trichterebene. Hier wurde die Zollverein- mit der Fremdkohle vermischt.

                              

Die Kokerei war ein 3-Schicht – Betrieb. Hätte man die Öfen auf unter 700 Grad heruntergefahren, wären die empfindlichen Ofensteine gerissen und die Öfen wären zerstört worden. Daher mussten sie  rund um die Uhr 24/7 laufen. Das Anheizen einer Batterie dauerte nach dem Bau ungefähr 6-8 Wochen, bis man nach und nach die Betriebstemperatur von ca. 1200 – 1300 Grad erreicht hatte. Dabei dehnten sich die Steine um ca. 1,2 bis 1,3 % aus.

Musste etwas repariert werden, konnte man sie auf 750 Grad herunterfahren. Das erlaubte den Arbeitern, bis zu 90 Sekunden in Schutzkleidung an der defekten Stelle zu arbeiten. Danach benötigten sie eine längere Pause und große Mengen Flüssigkeit.

Die Arbeiter waren zuweilen äußerst erfinderisch und nutzten Teile der Anlage als Grill für Koteletts und Hähnchen, so zum Beispiel die Fülllochdeckel auf der Ofendecke. Daher nannte man die Kokerei scherzhaft auch die heisseste Imbissbude des Ruhrgebiets.

                    
Auf der Ofendecke, Füllwagengleis mit Füllwagen und Fülllochdeckel

 Die Ofenbatterien wurden von hier befüllt. Die Kohle wurde luftdicht „gebacken“, verbrennen konnte sie dabei nicht. Sie wurde entgast und schrumpfte zum wertvolleren Koks zusammen, das in den Hochöfen der Stahlindustrie zur Eisenerzreduktion benötigt wurde.

          
Koksofenbatterie             

      
          Steigrohre zur Gasabsaugung der Ofenbatterien

Das Koks wurde gelöscht und zu den Hochöfen der Metallindustrie transportiert. Dies alles passierte auf der schwarzen Seite der Kokerei.
Auf der gegenüberliegenden weißen Seite wurden die Gase gereinigt und als Stadtgas zur Energieversorgung genutzt.

Von Anfang Dezember bis in die erste Januarwoche kann man auf dem Gelände der Kokerei Schlittschuh fahren. Gerade nach Einbruch der Dunkelheit ist das die schönste Eisbahn, die ich je gesehen habe. In den Sommerferien kann man sich in einem Freibad abkühlen.

          
Das Sonnenrad wurde für die Ausstellung Sonne,
Mond  und Sterne 1999 aufgebaut. Leider ist es
nicht mehr in Betrieb. 

                            

        
Illumination von Jonathan Speirs und Mark Major  

Nach der zweistündigen Führung und einem guten Craft Beer im gemütlichen Kokerei – Cafe stand das Red Dot Design Museum im ehemaligen Kesselhaus der Zeche Zollverein auf meinem Programm.

                    

Seit 1955 schon werden Industrieerzeugnisse in Essen für ihr Design prämiert. Dieser Wettbewerb, der auf die Initiative der Friedrich Krupp AG zurückgeht, ist heute unter dem Namen Red Dot Design Award bekannt. 1997 zog die Ausstellung in die alte Energiezentrale der Zeche und hat in dem beeindruckenden Industriebau eine kontrastreiche Heimat gefunden.

Ausgestellt werden Möbel, Leuchten, Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik und andere Alltagsgegenstände. Überzeugt hat mich das Zelt aus Pappe und der Jägermeister in Kühlakku-Form, um den Konsumenten an die optimale Kühltemperatur von -18 Grad zu erinnern.

                      

                

Gleich um die Ecke befindet sich das Restaurant Casino Zollverein. Laut der Internetseite des Restaurants zelebriert das Küchenteam eine regionale und saisonale Kochperformance der Extraklasse und setzt mit frischen und exzellenten Zutaten immer wieder neue Maßstäbe in der kulinarischen Welt des Ruhrgebiets. Ich möchte es etwas einfacher ausdrücken: Bin lecker satt geworden und die Rechnung war nicht zu hoch. Für Speisen, Service, Einrichtung und Tischdekoration gebe ich 10 von 10 Punkten :-).  Zu den Hauptzeiten könnte eine Tischreservierung nötig sein.

                    

                                            

Den Sonntag hatte ich mir für das Ruhr Museum reserviert und zog gegen 11.00 Uhr mit einem Audioguide bewaffnet los. Die Dauerausstellung zeigt auf drei Etagen die Natur- und Kulturgeschichte des Ruhrgebietes.

Multimedial und abwechslungsreich folgt man dem Weg der Kohle zu den Bereichen:

 

Kategorie Gegenwart

                                       

                   
Eine Geräuschdusche – am Besten alleine duschen…

Kategorie Gedächtnis

                

 

Kategorie Geschichte


Das Arschleder!!  

                                                                     

         
 Alfred Krupp

 

Unglaublich kurzweilige 5 Stunden habe ich -inclusive  Milchkaffee und Käsekuchen im Cafe Kohlenwäsche- in der Ausstellung verbracht.

Zusammen mit den Führungen in der Kohlewäsche und der Kokerei ergab sich für mich ein Gesamtbild mit vielen neuen Informationen.

 

Eine Etage über der Besucherinformation informiert das Portal der Industriekultur über das industriekulturelle Angebot der Metropole Ruhr und Nordrhein-Westfalen. Im ehemaligen Rundeindicker wird der Panoramafilm 360 Grad gezeigt. Außerdem kommt man auf diesem Weg zur Panoramaterrasse.

Am Nachmittag endete mein Besuch auf Zeche Zollverein nach fast 48 abwechslungs- und erlebnisreichen Stunden.

Mit viel neuer Lektüre aus dem Buchladen unter dem Arm spürte ich auf dem Weg zu meinem Auto einen Hauch von Wehmut und eigentlich wollte ich noch gar nicht gehen. Ich drehte noch eine Ehrenrunde um das Zechengelände und tröstete mich mit dem Versprechen, bald für die Führungen Zeche fotogen und Kokerei fotogen wieder zu kommen.

Mein Fazit: Natürlich kann man in diesen stillgelegten und für Besucher auf Hochglanz gebrachten Industriedenkmälern einen verklärten Blick auf die Arbeit der Kumpel und den Bergbau bekommen. Nach der Mittelalterromantik sind wir vielleicht auf dem Weg zur Zechenromantik. Aber etwas wird dadurch für immer unvergessen sein: der Respekt vor der harten und gefährlichen Arbeit unter und auch über Tage sowie die Erinnerung an Tugenden wie Geradlinigkeit, Ehrlichkeit und das Füreinander einstehen.

Ich habe jedenfalls einen neuen Lieblingsplatz gefunden.

In diesem Sinne

 Glück Auf!

 

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