„Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte.“ Sonderausstellung in der Kokerei auf Zeche Zollverein

„Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte.“

Große Sonderausstellung bis 11. November 2018 zum Abschied von der Kohle.

Ende 2018 schließen die beiden letzten Steinkohlezechen in Deutschland. Den Beruf des Bergmannes wird es in dieser Form dann nicht mehr geben. Das Ruhr Museum und das Deutsche Bergbau-Museum Bochum nehmen dieses Ereignis zum Anlass, die europäische Geschichte der Kohle im Industriezeitalter noch einmal Revue passieren zu lassen.
In der ehemaligen Mischanlage der Kokerei Zollverein ist auf drei Ebenen eine einzigartig informative und außerordentlich interessant inszenierte Ausstellung mit über 1200 Exponaten entstanden.
Mit dem Fahrstuhl oder über die Treppe geht es erstmal aufwärts. Oben angekommen beginnt der Steinkohle-geschichtliche Rundgang durch Europa.  Als Besucher folgt man auf dieser Zeitreise übrigens genau dem Weg, den die Kohle damals von der Zeche Zollverein zur Mischanlage der Kokerei nahm. Im Wiegeturm fallen mir die Porträts von Michael Bader auf.
In seinem Projekt Oberirdisch“ fotografierte er Bergleute zwischen 2016 und 2017 unmittelbar nach ihrer Schicht. Die Fotoserie ist eine Momentaufnahme einer Belegschaft, die sich mit dem Wissen um den Verlust ihres Arbeitsplatzes an eben diesem hat ablichten lassen.
Portraits © Michael Bader
Der Weg mit der Standseilbahn vom Wiegeturm über die Bandbrücke in die Kopfstation der Mischanlage und damit bis zur Plattformebene ist spektakulär.
© Ruhr Museum; Foto: checkbar
Stoppok hat eigens für diese Ausstellung das Steigerlied in einer Blues-Version neu aufgenommen.
Gleich nach dem Verlassen der Standseilbahn finde ich den größten Steinkohlebrocken des Ruhrgebietes. Er wiegt 7 Tonnen und wurde von Hand auf Prosper-Haniel in Bottrop geborgen.
Blick in die Ausstellung© Ruhr Museum; Foto: Deimel + Wittmar
Die Plattform bietet eine atemberaubende Rundumsicht auf das Ruhrgebiet. Infotafeln lenken die Blickrichtung nach Essen, auf die Kokerei, Zeche Prosper Haniel und die Veltins-Arena.
Foto: checkbar
Die erste Ausstellungsebene behandelt die Welt des Bergbaus, die Arbeit unter Tage und die damit verbundenen ständigen Gefahren.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden im französischen und deutschen Steinkohlebergbau zunehmend Pferde unter Tage eingesetzt, um die Streckenförderung rentabler zu machen. Sie lebten über Jahre unterirdischen in gut beleuchteten und belüfteten Stallungen. Die Bergleute hatten meist ein inniges Verhältnis zu ihren vierbeinigen Arbeitskollegen, wovon die Fotografie „Arbeitskameraden“ von 1937 zeugt.
Blick in die Ausstellung© Ruhr Museum; Foto: Deimel + Wittmar
Eine Vitrine mit einem einsamen, linken Schuh macht mich neugierig. Der Hauer Frietz Wienpahl war 1930 nach einem Streckenbruch auf der Zeche Victor in Castrop-Rauxel in über 500 Meter Tiefe verschüttet. Die Rettung erfolgte erst nach 183 Stunden!
Er wurde über ein Rohr mit anschließendem Schlauch mit Wasser, Milch und Fleischbrühe versorgt. Durch den hohen Druck, mit der die Flüssigkeiten zu ihm gepresst wurden, konnte er nicht direkt aus dem Schlauch trinken. Mit seinem linken Schuh fing er die flüssige Nahrung auf und trank sie auch aus diesem. „So gut hat mir noch niemals etwas auf dieser Welt geschmeckt“ sagte er später.
© Ruhr Museum; Foto: checkbar
Die versteinerte Leiter ist mit dicken mineralischen Ablagerungen überzogen. Die so genannte Schachtfahrte wurde 1951 aus dem Bergwerk Sachsen bei Hamm geborgen. Nach 13 Jahren Einsatz unter Tage ist das Gewicht der (kaum noch zu erkennenden) hölzernen Leiter auf 341 Kilogramm angewachsen.
Versinterung einer Schachtfahrte © Deutsches Bergbau-Museum Bochum, montan.dok; Foto: Rainer Rothenberg
Durch das geheimnis- und wirkungsvoll ausgeleuchtete Treppenhaus geht es hinunter in die nächste Ausstellungsebene.
© Ruhr Museum; Foto: checkbar
Die mobileartige Installation „Der Weg in die Tiefe“ besteht aus Utensilien, die für das sogenannte Schachtabteufen benötigt wurden. In dem Abteufkübel aus Eisenblech mit einem Fördervolumen von ca. 1,5 Kubikmetern hatten 4 Bergleute Platz und konnte mit 12 Metern pro Sekunde bewegt werden. Er hing dabei an einem Förderseil –sprichwörtlich dem eisernen Faden. Ein spannender Abstieg in die Bunkerebene, mein persönliches zweites Highlight der Ausstellung.
Die Kunstinstallation „Dark Star“ schwebt in der Mitte der Bunkerebene.
Dark Star; Copyright Ruhr Museum; Foto Deimel + Wittmar
Durch die Maueröffnungen am Kohlestern vorbei bekomme ich schon kleine Einblicke in die weiteren Themenräume.
Es geht um das „Schwarze Gold“ und seine vielen Verwendungsmöglichkeiten, um Schlotbarone, Arbeitskämpfe, Migration und die Freizeitaktivitäten der Bergleute.
Im ersten Raum wird es „Licht“. In speziellen Anstalten konnte durch Veredelung von Kohle Leuchtgas produziert werden.
Im zweiten Raum wird es dann bunt: Aus dem als Abfall anfallenden, stinkenden Steinkohlenteer konnten Farben, Medikamente und Kunststoffe wie Bakelit und Perlon hergestellt werden.
Die 4000 historischen Farbstoffflaschen stehen für die damalige Goldgräberstimmung, denn man konnte nun die mühsame und aufwendige Herstellung von Farben aus Pflanzen ersetzen und erschwinglich machen.
© Ruhr Museum; Foto: checkbar
Die harte Arbeit der Bergleute unter Tage bescherte den Zechenbesitzern und Anteilseignern ein finanziell weitgehend sorgenfreies Leben
und Luxus.
Die abwertend Schlotbarone genannten Unternehmer besaßen große Grundstücke mit Kohlevorkommen, erschlossen diese selbst oder verkauften Anteile daran. Der Besitz wurde vererbt und sicherte den Reichtum über Generationen.
© Ruhr Museum; Foto: checkbar
Mit Lobbyverbänden sicherten sie ihre wirtschaftliche Macht. Kaum verwunderlich, dass der Steinkohlebergbau lange von heftigen
sozialen Konflikten und Arbeitskämpfen geprägt war. Die Arbeiter forderten höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, eine menschenwürdige Behandlung und das Recht auf Mitbestimmung. Der Streik wurde zum universellen Kampfmittel der Arbeiter, denn durch den zeitweiligen Entzug der Arbeitskraft konnten sie die Unternehmer unter Druck setzen.
Das 12 Tonnen schwere Sandsteinrelief „Bergmann, Soldat, Hüttenmann“ aus dem Jahr 1939 versinnbildlicht den Wert von Kohle und Stahl für Krieg und Volksgemeinschaft. Stark, fleißig und hart – die von Georg Friedrich Hartje und Alois Pendl erschaffenen Arbeiterhelden symbolisieren auch das Menschenbild des Nationalsozialismus. Es stand bis zu deren Abriss 1997 an der Dortmunder Kaserne.
Blick in die Ausstellung© Ruhr Museum; Foto: Deimel + Wittmar
Kohle war unverzichtbarer Schlüsselrohstoff für die Kriegsführung im 20. Jahrhundert. Ohne Koks konnte der Stahl nicht produziert werden, der z.B. für den Bau von Kriegsschiffen und Panzer benötigt wurde. Die harte Arbeit unter Tage wurde in den Weltkriegen zur kriegswichtigen Tätigkeit, die in Deutschland auch Hunderttausende von Zwangs- und Fremdarbeiter verrichten mussten.
Der Gründungsvertrag der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl gilt als Schlüsseldokument für die europäische Einigung. Mit ihm wurde 1951 die Montanunion gegründet. Deutschland, Frankreich, die Benelux – Länder und Italien legten fortan ihre Kohle – und Stahl-produktion zusammen. Sie sollte einen Krieg in Europa unmöglich machen, denn mit der Montanunion wurden die kriegswichtigen Güter Kohle und Stahl unter eine europäische Kontrolle gestellt. Zur Montanindustrie gehören Steinkohlebergbau mit Bergwerken und Kokereien sowie die Eisen – und Stahlindustrie mit ihren Hütten- und Walzwerken.
Der aus Steinkohle erzeugte Koks nimmt dabei eine Scharnierfunktion zwischen Bergbau und Stahlindustrie ein. Die im Ruhrgebiet reichlich vorhandene Fettkohle eignet sich besonders zur Verkokung.
Blick in die Ausstellung© Ruhr Museum; Foto: Deimel + Wittmar
Der Panton Chair – ein von Verner Panton designter Freischwinger aus dem Jahr 1960, symbolisiert den Siegeszug des Kunststoffs.
© Ruhr Museum; Foto: checkbar
Ich kenne die Mischanlage noch von meinem Besuch im Januar und bin überrascht und begeistert, wie sich die Exponate in die historische Industrieanlage einfügen. Mit ihnen wird die eh schon imposante Atmosphäre noch einmal mehr unterstrichen.
Fazit: Erstklassige, facettenreiche Ausstellung – Unbedingt sehenswert!!!
Die Gemeinschaftsausstellung von Ruhr Museum und Deutschem Bergbau-Museum Bochum wird vom 27. April bis 11. November 2018 in der Mischanlage der Kokerei Zollverein gezeigt. Sie wird ermöglicht durch die RAG-Stiftung im Rahmen der Initiative „Glückauf Zukunft!“.

01_Flyer_Das Zeitalter der Kohle

02_Begleitprogramm_Das Zeitalter der Kohle

1 Gedanke zu „„Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte.“ Sonderausstellung in der Kokerei auf Zeche Zollverein

  1. Eine wunderbare Ausstellung. Dabei sollte man die Möglichkeit der Führung unbedingt buchen. Dadurch wird der Besuch unterhaltsam und sehr informativ. Wir werden auch eine 2. Führung und sicher danach noch einen zusätzlichen Besuch alleine machen. Man taucht in die Vergangenheit und erkennt die Zusammenhänge und Fortschritte der letzten 200 – 300 Jahre. Der Vergleich zu den 100.000 Jahren davor ist erschreckend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.